Auf der Suche nach dem Glücksfaktor

Es ist eine elementare Frage für praktisch alle Menschen: Was braucht es, um glücklich zu sein? Bhutan, der Staat im Himalaya, möchte es genau wissen und lässt regelmässig den BNG-Index, den Index des Bruttonationalglücks, erstellen. Die aufwändige Formel erfasst, wie glücklich die Bevölkerung ist. Im letzten Jahr soll der Wert bei 93% gelegen haben. Jedenfalls erklärt das eine Inschrift am Ende des herzlichen Films «Agent of Happiness», der zwei der titelgebenden Glücksagenten bei der Arbeit begleitet. Der Dokumentarfilm behandelt also das Thema Glück in der Gesellschaft Bhutans und folgt dazu Amber, der gemeinsam mit einem Kollegen durch das Land reist und die Menschen mit einem 148 Fragen umfassenden Bogen konfrontiert. Haben sie Ziegen? Besitzen sie einen Traktor? Besitzen sie Hühner? Waren sie in der letzten Zeit wütend? Halten sie sich für egoistisch? Neidisch? Sind sie schwermütig? Solche Dinge eben. Dabei nähert sich das Duo den Menschen sehr einfühlsam und auf Augenhöhe. Bei der Suche nach dem Glück fremder Leute merkt Amber, dass in seinem Leben auch nicht alles glücksgetränkt ist. Er versucht aktiv, ein Mädchen zu erobern, das er mag, sie will aber lieber verreisen. Er möchte liebend gerne mir ihr reisen, besitzt aber die Staatsbürgerschaft nicht, weil diese seiner Familie vor Jahrzehnten aberkannt wurde. Und er wünscht sich ein kleines Häuschen mit Frau und Kindern. Auf seiner Reise durch Bhutan lernt er viel über das Glück, die Menschen, sich selbst und erfährt, dass das Glück sehr individuell ist.
«Agent of Happiness» ist zwar ein Dokumentarfilm, nutzt aber einer eine Erzählweise, die durchaus etwas von einem Spielfilm hat. So spricht nie jemand direkt in die Kamera, um Ereignisse zu vertiefen, sondern Amber fungiert quasi als Medium. Diese Herangehensweise erlaubt zwar eine Art Distanz, lässt aber die Kraft der Aussagen nie verpuffen, weil die Menschen ernst genommen werden und somit die Menschlichkeit im Hauptthema unterstrichen wird. Manche Befragungen werden zusätzlich vertieft, indem der Film kurz der Person folgt. Etwa einer Transsexuellen, die den Mond anbetet, weil sie ein Mädchen sein möchte. Oder dem alten Mann, der drei Frauen geheiratet hat und bei der Befragung keine von ihnen zu Wort kommen lässt, weil sie gefälligst glücklich sein sollen, mit ihm verheiratet zu sein. Dass die Frauen daneben nicht sehr glücklich aussehen, interessiert ihn nicht. Eine der Frauen erzählt sogar, dass der Mann nur dann toll ist, wenn sie nett zu ihm sind und sie ihn nie geliebt habe. Sie fühle sich eher bei ihren beiden Mitehefrauen aufgehoben. Das ist einerseits traurig, aber irgendwo auch schön, weil sie doch ein familienähnliches Konstrukt gefunden hat. Und da ist ein siebzehnjähriges Mädchen, Scheidungskind, das sich wünscht, eine Familie wie alle anderen zu haben und sich sorgt, dass die Mutter am Alkoholkonsum sterben könnte. Das alles sind so berührende Momente, weil sie sehr menschlich und authentisch sind. Sie können überall auf der Welt vorkommen und sie machen klar, wie nahe Glück und Schwermut beieinander liegen und wie wenig es braucht, um die Waage aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Die Glücksagenten im Gespräche mit einem Bauern. (©trigon-film.org)
Dem Regie-Duo Dorottya Zurbó und Arun Bhattarai gelingt ein ruhiger Film, der seine feine Sprache durch den Alltag der Menschen im ländlichen Bhutan erzeugt. Ob die beiden Männer im Film mit Bauern, Wirten, Strassenbauern oder Menschen sprechen, die zuhause das Haus in Schuss halten, meist offenbart sich hinter einem Gesicht ein bescheidenes, aber zufriedenes Leben. Bringt das Streben nach Macht und Geld vielleicht gar nicht so viel Glück? Der Film stellt solche Fragen nie aktiv, sondern lässt sie im Raum schweben. Viel mehr tauchen die beiden Männer stellvertretend für uns in unterschiedliche Lebensentwürfe ein, die zwar sehr subjektiv sind, aber alle gemeinsam haben, dass das Suchen und Finden des Glücks ein steiniger Weg sein kann. Das passt symbolisch gut zur kargen Landschaft im Himalaya, die der Film charakteristisch und teils wuchtig einfängt. Diese Eindrücke werden zusätzlich visuell unterstützt, indem die Werte im Index jeweils neben den Menschen eingeblendet werden. Ein simpler, aber cleverer Einfall, der Fakten zu den Aussagen erzeugt. Spannend ist, wie hoch bei vielen der Sinn für das Karma ist.
Glück als offizielles Kriterium auferlegt
Arun Bhattarai aus Bhutan und Dorottya Zurbó aus Ungarn haben sich im Dokumentarfilm-Studium kennengelernt und arbeiten seit elf Jahren zusammen. Das Thema des auf vielen Festival gezeigten und preisgekrönten Films hat Dorottya Zurbó sehr gereizt: «Ich war neugierig darauf, wie es sich auf die Menschen auswirkt, wenn ihnen Glück als offizielles Kriterium auferlegt wird – können wir glücklicher werden, wenn es in unser kollektives Bewusstsein injiziert wird? Arun und ich haben uns von dem Vorgehen, Gefühle und Lebenserfahrungen mit Formeln zu messen, inspirieren lassen.» Sie wollten dem wissenschaftlichen Erfassen von Daten, eine geistige Komponente gegenüberstellen und sich dem Geist und der Seele der Menschen nähern. «Mich interessierte die Frage, wie sie mit der Zerbrechlichkeit von Glück umgehen, wie man Glück auch in der tiefsten Trauer finden kann – nicht im Streben nach mehr, sondern im Loslassen – etwas, das auch ich in meinem Leben lernen muss», ergänzt die Filmemacherin und Dozentin. Dieser Ansatz funktioniert durch die beiden Glücksagenten im wissenschaftlichen Dienst hervorragend. Am Ende des Films sind Aussagen aus Befragungen zu hören, die immer mehr werden, sich zu einem sprachlichen Wirrwarr verdichten und schliesslich zu einem unverständlichen Rauschen werden, einem Gedankenstrom zum Glück, zum Leben und zu den Sorgen und somit eine Art Äther zum Leben bilden. Symbolisch ist das clever, um zu manifestieren, wie leicht sich bei der Suche nach dem Glück die Orientierung verlieren lässt.
Amber bei einem Ausflug mit dem Mädchen seines Herzens. (©trigon-film.org)
Die Herangehensweise des Regie-Duos ist rational und durchdacht. Man folgt den Glückserfassern, taucht durch ihre Augen in die Erfahrungen der Menschen ein und ist so hautnah dabei. Das ist so simpel wie clever, weil sie uns mit ihrem Film auf eine Reise mit Anfang und Ende einladen, der sich harmonisch und rund anfühlt. Nur bei manchen Menschen verlässt der Film diesen Ansatz und kehrt nochmals zu früheren Momenten zurück, um zu vertiefen, wie glücklich die getroffenen Menschen sind. Das stört leicht den Fluss des Films, weil er sich ansonsten wie eine Reise anfühlt und dieses Springen den Fluss etwas bricht. Trotzdem funktioniert die künstlerische Vision durchgehend wunderbar und das kleine Detail schmälert die Kraft des Films nur marginal.
Wie ist also das Fazit zum Glück? Der Film lässt das bewusst offen. Aber er öffnet durch die Auswahl der Menschen, die zu Wort kommen, durchaus einen Kosmos voller Humor und leisen Begegnungen, in dem das abstrakte und zerbrechliche Konstrukt des Glücks skizziert wird, und zwar als filigranes Mosaik, das durchaus die Herzen und die Seele wärmt. Die Quintessenz des stilvoll gefilmten könnte durchaus sein, dass das Glück sehr individuell ist und es nur schwer wissenschaftlich erfasst werden kann bzw. sollte.
«Agent of Happiness» legt den Fokus zwar auf das Erfassen des Glücks, erzeugt aber gleichzeitig einen Sog aus menschlichen Begegnungen und Lebensentwürfen, der berührt und manchmal zum Nachdenken anregt. Zudem erlaubt der Film intime Einblicke in die Kultur Bhutans.
- Agent of Happiness (Buthan, 2024)
- Regie & Drehbuch: Arun Bhattarai, Dorottya Zurbó
- Besetzung: Yangka Lhamo, Wangmo Lhamo, Dophu Dem, Dechen Selden
- Laufzeit: 94 Minuten
- Kinostart: 20. März 2025